wie ich Psychisch krank wurde

Psychisch krank sein, ist schon schwer genug, darüber zu sprechen ist nochmals eine Herausforderung, doch warum auch immer, habe ich gerade das Bedürfnis einen Beitrag darüber zu erfassen, wie alles angefangen hat. Ich setzte sicherheitshalber eine Triggerwarnung vorweg, für die Themen: Gewalt, Mobbing, sex. Missbrauch

Meine Kindheit

Tatsächlich weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Ich bin 1994 geboren, 1997 ist mein Bruder hinterhergekommen. Gott sei Dank, denn alleine hätte ich den ganzen scheiß vermutlich nicht geschafft.

Meine Kindheit ist sehr zwiegespalten verlaufen. Auf der einen Seite waren wir mit unseren Großeltern am Wochenende auf dem Segelboot, was eines der schönsten Zeiten war. Hier haben wir in der freien See schwimmen gelernt, mit einem Gaskocher essen gemacht und einfach ein Stück Freiheit genießen können. Mit den Eltern waren wir in Freizeitparks, auf Flohmärkte, haben etwas als Familie unternommen. Ja, nach außen hin – waren wir eine richtig tolle Familie.

Mein Papa war viel arbeiten. Jeden Tag, manchmal auch am Wochenende und im Winter sogar regelmäßig Nachts und an den Wochenenden. In der Zeit hat sich eigentlich der Horror hinter den Wänden abgespielt. Unsere Erzeugerin schlug uns, nein, sie hat uns verprügelt. Wir wurden eingesperrt, mussten auf einem Eimer auf Toilette gehen. Zum Mittag nach der Schule gab es oft Dosensuppen oder Dosennudeln. Sie hat uns nicht nur körperlich verletzt, nein, auch seelisch.
Sätze wie: „Du bist ein ungewolltes Kind“, „dich liebt sowieso niemand“ haben sich eingeprägt.

Viel mehr weiß ich leider aus meiner Kindheit nicht mehr.
Verdrängung.

Der 04.11.2005

An diesem Tag ist unsere Erzeugerin ausgezogen. Sie war im Urlaub, kam zurück und hatte plötzlich einen neuen Freund. Wir sollten zu Ihr ziehen, waren von Weihnachten bis Silvester dort. Es ging nicht, ich konnte nicht da bleiben und wollte zum Papa. Somit hat er alles in Bewegung gesetzt, dass wir hier bleiben konnten und die Erzeugerin mit Ihrem Freund auch herzog.

Wir haben nicht lange bei Ihr in der Wohnung gewohnt. Die Zeit hat aber hingereicht, denn damals schon, habe ich nie „Mama“ gesagt, sondern sie bei Namen genannt. Dann kam raus: Der Mann saß im Gefängnis wegen Kindesmissbrauch. Es ging vor Gericht, vor dem sie sagte: „Ich ziehe meinen Lebenspartnern meinen Kindern vor“ und somit war das Ding gelutscht. Mein Dad bekam das Aufenthaltsbestimmungsrecht und wir mussten sofort zu unserem Papa ziehen. Gott sei Dank, was glaubst du, wie ich mich gefreut habe. Es hieß, ich dürfe meinen Papa immer besuchen und dann wurde es mir doch verboten. Die Schläge hörten nicht auf.

Damals ging ich schon zur Schule. Durch die Scheidung habe ich ziemlich gelitten, auch wenn ich irgendwo glücklich war. Somit war ich in der Schule immer sehr zurückhaltend, habe wenig gesprochen. Dafür aber wurde ich gehänselt. Ich wurde gehänselt, weil sie meine Haare auf 3 mm abgeschnitten hat. Ich wurde gemobbt, weil ich nicht schlank war. Dies hat auch damit zu tun, dass ich in dem Alter schon sehr viele Medikamente für mein Asthma nehmen musste. Eigentlich wurde ich immer runtergemacht. Egal, wo ich hinging. Nur bei meinem Papa, meiner Oma und Tante war ich sicher. Als dann am 05.10.07 noch meine geliebte Uroma starb, war alles vorbei.

der 1. Psychiatrieaufenthalt

Mit 10 Jahren musste ich das erste Mal in die AWO. Es wurde geprüft, ob der ehemalige Freund unserer Erzeugerin uns angefasst hat. Meinen Bruder haben sie unter Drogen gesetzt, sodass er unseren Papa nicht einmal erkannt hat. Er entwickelte einen Hass gegenüber Frauen, niemand hat sich gefragt, woher das kommt.

In der psychiatrischen Klinik war ich auch eine Außenseiterin. Es war eine sehr schwere Zeit und ich war froh, dass ich meinen Bruder da hatte. Doch wir wurden oft getrennt. Denn unsere Wut, die wir in uns trugen, haben wir oft an uns ausgelassen. Außerdem lag ich regelmäßig im Krankenhaus wegen des Asthmas. Ich hatte kaum Zeit in der Schule oder Freunde zu treffen. Zumindest die zwei drei die ich hatte.

Meine Jugenzeit

Habe ich natürlich bei meinem Papa verbracht. Leider bin ich dann an die falschen Freunde geraten. Was soll ich sagen? Ich war froh, überhaupt Freunde gehabt zu haben. Doch im Laufe der Jahre haben sich auch richtige Freundschaften entwickelt.

Zur Erzeugerin sind wir regelmäßig gegangen. Irgendwie hat sie das vorausgesetzt, vor allem zu den Feiertagen. Plötzlich war sie auch „anders“. Es gab keine Schläge mehr und sie hörte zu. Dies führte irgendwann in der Pubertät dazu, dass ich 1 Woche bei Ihr gewohnt habe, um dann weinend beim Papa anzurufen, dass ich zurückmöchte. Manipulieren kann sie nämlich sehr gut.

Mit 16 habe ich eine Lehre angefangen. Hier lief es auch nicht besser. Ich hatte einen sehr strengen alten Ausbilder. Er hat jeden Fehler auf die Goldwaage gelegt, deine Stunden verlängert. Ich erinnere mich an die Situation, dass ich in der Obst und Gemüse Abteilung aufräumen musste, mein Papa hat schon auf mich gewartet, um mich abzuholen und ich durfte keinen Feierabend machen, da ich nicht fertig geworden bin. Somit ist er nach 1 Stunde gefahren und ich konnte zusehen, wie ich nach Hause komme. Ja, der Ausbilder hat dazu beigetragen, dass ich selber eine strenge und penible Ausbilderin geworden bin. Doch zu dem Zeitpunkt konnte ich nicht gut damit umgehen.

Meinen 18. Geburtstag habe ich groß gefeiert, mit Freunden, meiner Familie – doch du darfst 3 Mal raten, wer nicht dabei war. Richtig, meine Erzeugerin, nicht einmal eine Karte habe ich bekommen.

Psychisch am Endpunkt 2015

Ich war tagelang nicht gut gelaunt. Plötzlich konnte ich kein Auto mehr fahren, da ich nicht wusste, wie es funktioniert. Ich konnte nicht mehr denken, nicht mehr fühlen und wollte gegen den nächsten Baum fahren. Es hat nicht geklappt. Die Mama meines damaligen Freundes brachte mich zum Arzt und dieser wies mich sofort in die psychiatrische Klinik ein.

Somit war ich nun das zweite Mal dort.
Auch hier waren die ersten Tage ein Kampf. Ich war immer noch sehr schüchtern, hab kaum geredet. Doch es hat sich letztendlich zu einer guten Zeit entwickelt. Mir wurde geholfen, ich wurde aufgefangen und hatte Freunde gefunden, die alle irgendwo dasselbe Problem hatten. Es gab Verständnis. Ich erinnere mich gerne an diese Zeit. Denn sie war irgendwie so unbeschwert.

Warum auch immer, habe ich in der Klinik einen Brief an meine Erzeugerin, die mittlerweile in Oberfranken wohnt, geschrieben. Ich wollte sie richtig kennenlernen und Antworten finden. Antworten, warum sie das getan hat. So kam es, wie es kommen musste.

Ich habe meine Diagnosen
– schwere Depressionen
– Posttraumatische Belastungsstörung bekommen

und bin innerhalb 6 Wochen nach Oberfranken gezogen, um diese Frau kennenzulernen und meine zweite Lehre im Rettungsdienst zu machen. Die Zeit im Rettungsdienst war die schönste Zeit meines Lebens. Doch der Kontakt mit meiner Erzeugerin brach wieder ab, da ich nicht dies gemacht habe, was sie wollte. Dabei hat sie mir noch bei meinem Umzug nach Oberfranken geholfen, immerhin hatte ich zwei Autos voll Gepäck. Für mich war der Rettungsdienst mein Leben, es war so wundervoll Leben zu retten. Für Menschen dazu sein, Ihnen zu helfen. Mir hat niemand geholfen, deshalb war mir schnell klar: Ich möchte Menschen helfen.

Mai 2017

Ich habe meinen Mann kennengelernt und mir ging es soweit eigentlich gut. Ich habe mein Leben gelebt, war unbeschwert und glücklich. Wir sind zusammen gekommen und haben jede freie Minute zusammen genossen – dies war nicht so oft, denn wir haben 80 km auseinander gewohnt.

Der nächste Rückschlag kam dann 09/2017 als ich meine Lungenarterienembolie hatte und ein halbes Jahr vor Ende meiner Ausbildung, meine Ausbildung verlor. Ich habe keine Zulassung mehr für mein Examen bekommen. Das, was ich mein Leben lang machen wollte, wurde mir genommen. Wofür ich 350 km umgezogen bin, meine Familie alleine gelassen habe, meine Freunde..
Ehrlich gesagt, habe ich mich davon heute noch nicht erholt.

Die letzten fünf Jahre habe ich mich mit auf und ab durchgebracht. Es gab richtig gute Zeiten, wie die Geburt meines Kindes, unsere Hochzeit, Urlaub, der Umzug zurück in meine Heimat.

Zur Geburt meines Sohnes, zu meiner Hochzeit oder anderen Ereignissen, war diese Frau übrigens auch nicht da.

Innerlich wusste ich, irgendwas stimmt nicht mit mir.
Ich wurde dann Ende 2020 selbstständig und hatte so ein hohes Arbeitsaufkommen, dass ich Tag und Nacht gearbeitet habe. Zeit für mich? Fehlanzeige. Arbeit und um das Kind kümmern, mehr wollte ich nicht. Ansehen, die Leute haben mich angesehen – zum ersten Mal in meinem Leben. Es war eine Wohltat, der ich gerecht werden wollte und mich vergessen habe.

Psychisch er Zusammenbruch 2022

Es kam also, wie es kommen musste. Nachdem dieses Jahr mir Gesundheitlich nichts gutes Geschenkt hat, brach ich im Laufe des Jahres zusammen. Mein Leben lief gut. Ich habe eine eigene Wohnung, einen Garten, eine Familie. Ich hatte Arbeit, Freunde, einen Hund – alles wir uns wünschen, außer Gesundheit.

„Wir können dir nicht mehr helfen“
„Der nächste Asthmaanfall könnte der letzte sein“
„Sie sollten sich überlegen, ob Sie arbeiten oder Zeit mit Ihrer Familie verbringen wollen“

Das sind Sätze, die ich dieses Jahr gehört habe. Die mich getriggert haben, verletzt. Psychisch ging es mir immer schlechter. Es ging so weit, dass ich nicht mehr aus dem Bett gekommen bin. Ich habe nur noch geweint. Als wäre es gestern gewesen, erinnere ich mich, wie ich auf dem Boden im Wohnzimmer lag und schrie, weinte und nicht mehr wollte. Erst dann war ich bereit mir noch einmal Hilfe zu holen und bin ein weiteres Mal in die psychiatrische Klinik gegeben.

Ich muss dazu sagen, dass ich am 06.04 wegen akuter Suizidalität für einen Tag ebenfalls in die Klinik musste. Dies konnte ich zurückführen auf Tabletten, die ich nicht vertragen habe. Einen Monat später wusste ich, ich bin krank, es sind nicht die Tabletten gewesen, sondern ich, meine Psyche.

Was auch sehr stark dazu beigetragen hat, ist die Tatsache so oft im Krankenhaus zu sein. Ich habe kein Kind bekommen, um es ständig woanders hingeben zu müssen. Ich wollte meinen Sohn selber aufziehen, aufwachsen sehen, bei Ihm sein. Doch letztendlich war ich dieses Jahr 20 Wochen im Krankenhaus, Reha.

Nun sitze ich hier, habe gefühlt alles in meinem Leben verloren. Obwohl dies nicht der Fall ist. Ich habe immer noch meine Familie und mein Dach über dem Kopf. Ja, ich darf und kann nicht mehr Arbeiten, auch durch die Schwere meiner Asthmaerkrankung. Aber ich habe Liebe, Rückhalt, Zusammenhalt – was leider einige andere Menschen nicht haben. Darauf bin ich wirklich stolz und ich denke, nur deshalb sitze ich noch hier.

Meine aktuellen psychischen Diagnosen:
– schwere Depression
– instabile Persönlichkeitsstörung Typ Borderline

Warum hat niemand eingegriffen?

Eine Frage, die ich mir immer wieder stelle, ist, warum hat niemand eingegriffen? Es wussten einige Menschen, was passiert, doch niemand hat etwas gesagt. Die Angst hat dabei eine große Rolle gespielt, doch vielleicht hätte es schon gereicht, zum Papa zu gehen und ihm Bescheid zu sagen. Denn heute wo alles nach und nach rauskommt und ich offen mit ihm darüber rede, erfährt er erst die dunklen Details.

Die Schulen haben genauso gut gesehen, dass wir ständig Hämatome hatten. Doch in den meisten Fällen waren es Unfälle.
Warum wir psychisch so waren, wir waren, hat niemand hinterfragt. Irgendwo hat das System versagt, doch deshalb bin ich heute der Mensch, der ich bin.

Psychisch Heute

bin ich dankbar, dass ich hier sitzen kann und diesen Text verfasse.
Natürlich ist dies nur eine Kurzfassung von dem, was ich erlebt habe. Eigentlich könnte ich ein ganzes Buch füllen, dies steht immerhin auch auf meiner Bucket List.

Es gibt Tage an denen geht es mir gut und es gibt Tage an denen geht es mir schlecht. Doch das ist auch bei gesunden Menschen so. Vielleicht nicht in dem Extrem, doch im Endeffekt, fühlen wir alle die selben Gefühle.

Mittlerweile habe ich einen ambulanten Therapeuten, mit dem ich eine EMDR – Therapie machen werde. Ich denke, da werden noch ein Blogartikel folgen. Wenn du magst, kannst du dich dafür gerne in den Newsletter eintragen oder einfach regelmäßig vorbeischauen. Ich würde mich freuen.

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