vier Monate nach meiner Therapie

Vier Monate ist meine Entlassung aus dem AWO-Psychiatriezentrum nun her. Jetzt möchte ich gerne evaluieren, was und ob sich überhaupt etwas verändert hat, nachdem ich meine Therapie „abgeschlossen“ habe, zumindest für diesen Teil.

Warum vier Monate später?

Nach meiner Entlassung aus der Klinik, war ich mit meiner Familie zwei Wochen im Urlaub und hatte dann noch zwei Wochen, um mich überhaupt wieder zu Hause einzufinden. Man mag es gar nicht glauben, aber nach so einer langen Zeit, ist es ein komisches Gefühl, wieder zu Hause zu sein, seinen geregelten Alltag zu haben und sich um alles wieder alleine kümmern zu müssen. Deshalb zähle ich den ersten Monat gar nicht sooo mit dazu, denn Urlaub ist auch eine Ausnahmesituation 🙂

Rückblick

Seitdem 28.01.22 befinde ich mich regelmäßig in irgendwelchen Krankenhäusern & Notaufnahmen. Es ist sehr anstrengend, ständig von zu Hause weg zu sein, sein Kind nicht sehen zu können und vor allem um sein Leben kämpfen zu müssen.

Vorsicht Triggerwarnung: Gedanken, Suizid


Gedanken wie: „Du bist nichts wert“, „Du bist eine Last für deine Familie“, „deiner Familie würde es ohne dich, besser gehen“, quälten mich Tag für Tag, teilweise Stunde für Stunde. Auf Reha in Bad Lauterberg wurde es dann so schlimm, dass ich mich dort einem Psychologen anvertraute. Aufgrund meiner kontinuierlichen Schmerzen bekam ich zeitgleich neue Tabletten. Diese Tabletten habe ich nicht vertragen, dachte ich bis zu diesem Zeitpunkt, sie sind schuld an allem. Es ging so weit, dass ich verlegt wurde, wegen „akuter Suizidalität„.

Ich war dann noch eine Zeitlang daheim und weinte immer noch so viel wie auf Reha. Ich kam manchmal nicht mehr aus dem Bett raus, konnte mich nicht mehr konzentrieren, hab alles vergessen. Bis der Tag kam, wo ich schreiend vor Schmerzen und weinend auf dem kalten Fußboden lag und nichts mehr mitbekam. Die Ansprache meines Mannes klang als würde er durch Watte mit mir sprechen, mein Sohn war Gott sei Dank im Kindergarten. Ich war komplett am Ende. Doch dies war der Zeitpunkt, an dem ich beschlossen habe, dass ich Hilfe brauche.

Ich, während meiner tiefsten Depressionen

Während meiner Therapie

habe ich wirklich sehr viel lernen dürfen und sehr hart an mir gearbeitet. Mein ganzes Feedback kannst du hier lesen.
Es gab sehr viel ab´s & auch auf´s, vor allem die Anfangszeit war eine ganz schlimme Zeit für mich. Es wurde alles aufgewühlt, vieles wurde mir bewusst, was mich sehr erschrocken hat. Glaub mir, eine Therapie ist kein Spaziergang und wenn du das selber noch nicht durchgemacht hast, dann urteile auch bitte nicht darüber. Denn ich bin mir ganz sicher, dass manche Therapieansätze auch bei „gesunden“ Personen sehr anstrengend und hart sein können.

Am Ende meines Aufenthaltes haben meine Mitpatientin und ich einen Brief geschrieben. Dieser Brief wurde uns nach 6 Wochen zugeschickt und dieser Brief ist nun Hauptbestandteil, für diesen Beitrag. Denn ich habe dort meine Ziele verfasst, welche ich beibehalten möchte, was ich ändern wollen würde. Natürlich habe ich auch geschrieben, was ich alles erreicht habe, doch

Habe ich meine erreichten Therapieziele weiterhin im Griff?

  • Ich habe meine Essanfälle in den Griff bekommen
    Vier Monate später: Bis auf ein paar wenige Ausnahmen, habe ich meine Essanfälle immer noch im Griff. Jetzt wo ich auf Reha in Schönau bin, ist es nicht ganz so leicht und weniger glattgegangen, da mir meine Zwischenmahlzeiten fehlen. Eigentlich ist das Hauptproblem das Wochenende.
  • Ich kann Situationen neu bewerten
    Vier Monate später: Tatsächlich habe ich dieses Ziel immer weiter verfolgt und vertieft. Ich bin sehr stolz darauf, Situationen jetzt aus verschiedenen Sichtweisen betrachten zu können. Auch wenn ich es mir immer wieder vor Augen führen muss.
  • Meine zentralen Gefühle habe ich kennengelernt und gelernt sie zu akzeptieren
    vier Monate später: kann ich sogar meine depressiven Tage akzeptieren :))
  • Regelmäßiges Essen
    vier Monate später: die drei Hauptmahlzeiten klappen wirklich sehr gut. Ich esse tatsächlich Morgens, Mittags und Abends. Ich meine, Mittag & Abends habe ich wegen meiner Familie immer gegessen, morgens war mein Knackpunkt. Durch die Mehrbewegung auf der Reha brauche ich eigentlich eine Zwischenmahlzeit, die ich nicht habe und weshalb ich nochmal Essanfälle hatte, aber hey, ich habe es erkannt.
  • Ich habe Skills kennengelernt und gelernt sie einzusetzen
    vier Monate später: setzte ich meine Skills immer noch ein & kann meine Hochspannung tatsächlich besser kontrollieren. Es ist sehr schwer und ab und zu habe ich trotzdem noch meine Aussetzer, aber wesentlich wirklich wesentlich weniger. Denn ich merke nun auch, wann ich einen Skill einsetzen muss, bevor es zu spät ist.
  • Lebenswerte Dinge gefunden
    vier Monate später: Sehe ich diese Dinge immer noch als Lebenswert & habe sogar noch ein paar mehr Dinge gefunden. Dies war leider Gottes dann doch ein zentraleres Thema, als angenommen. Eventuell schreibe ich dazu einen separaten Beitrag.
  • Offen sprechen, vor allem mit meinen engsten Familienangehörigen
    vier Monate später: Kann ich ebenfalls immer noch offen sprechen & schreibe sogar über meine Depression. Es tut mir gut, das offen dazulegen. Ich meine, es ist eine Erkrankung wie jede andere auch. Noch dazu ist es bedauerlicherweise eine Begleiterkrankung vom Asthma, also was soll das Schweigen? Ob es jemanden interessiert, weiß ich nicht. Aber wie sagte Judith Peters so schön? „Blogge als würde es niemand lesen“
  • Ich habe verstanden, dass ich körperlich krank bin und meine Krankheit nicht durch die Psyche kommt
    vier Monate später: ist es mir zwar immer noch bewusst, aber manchmal zweifle ich dies trotzdem an. Wobei die Ärzte in der Rehaklinik wirklich super sind und ich mich ernst genommen fühle. Aufgrund der vielen Test, deren Ergebnisse ich sehen kann, fällt es mir auch leichter zu verstehen. Das Problem ist nämlich: Wenn die Monate lang etwas eingeredet wird, dann glaubst du es irgendwann.

Ziele, die ich zu Hause erreichen wollte/will:

  1. Keine Kalorien zählen
    Tja, bedauerlicherweise muss ich sagen, dass ich gegen dieses Ziel verloren habe.
    Wobei ich eben hier auf Reha keine Kalorien zähle, da ich (leider) die Zusammensetzung deren Gerichte nicht kenne. Vielleicht soll das auch ein Neuanfang sein?
  2. Eine ambulante Therapie anfangen
    Ja, ich habe einen Therapeuten gefunden und bin auch zufrieden mit ihm. Wir werden demnächst mit der EMDR-Therapie starten.
    Bedauerlicherweise war ich noch nicht allzu oft da, denn ich war ja nur 3 Monate zu Hause.
  3. Einen schönen Urlaub verbringen
    Den hatte ich auf jeden Fall! Er tat wirklich sehr gut, unser erster Familienurlaub. ♥ Es ist für mich etwas ganz Besonderes, mir die Welt anzusehen, zu Reisen und einfach zu genießen. Deshalb freue ich mich schon sehr, auf den hoffentlich nächsten Familienurlaub im nächsten Jahr.
  4. Etwas mehr Bewegen
    Ich bin tatsächlich öfter herausgegangen, auch wenn ich den Rolli mitnehmen musste. Leider hat oftmals die Luft nicht mitgespielt. Ich hoffe so sehr, dass dies bald wieder möglich ist. Wobei 5x die Woche in das Krafttraining zu gehen, geht hier auf Reha bisher gut.
vier Monate später; stabil

Fazit

In den letzten vier Monaten hatte ich genau 16 depressive Tage. Woher ich das weiß? Ich führe ein Bullet Journal und habe dort eine Liste drin, in der ich jeden Tag mit einer Farbe meine Laune dokumentiere, um genau solche Sachen im Blick zu haben. 16 Tage, ich bin wahnsinnig stolz und das, obwohl ich seit 4 Wochen über 800 km von meiner Familie entfernt bin.

Mir geht es soweit okay. Gerade in den letzten Tagen war ich depressiv, da mein Sohn Geburtstag hatte und ich nicht daheim war, aber ich habe meinen schwarzen Hund akzeptiert, ihn zugelassen und so doof es klingt, ihm ein Brief geschrieben. Heute geht es mir besser und du glaubst nicht, was es für ein tolles Gefühl ist, zu wissen, dass man es selber war, die, die Depression durchbrochen hat – mit Akzeptanz.

Ich denke, dass ich ganz Stolz auf mein Ergebnis sein kann & hoffe, das es so bleibt oder besser noch: Sich weiterhin verbessert.
Man möchte sich natürlich immer weiter entwickeln. Wichtig ist mir trotzdem, dass ich mich nicht übernehme und meine Hauptziele im Fokus behalte, bis sie in Fleisch und Blut übergegangen sind.

Übrigens

Kann ich mich momentan auch sehr gut von suizidalen Gedanken differenzieren. Ich schaffe es sogar zu sagen, dass ich diese Situation gerade nicht aushalte. Was mir dagegen noch nicht leicht fällt, ist das „Stopp“ sagen. Gegen Grübeleien suche ich mir Beschäftigung, in der meisten Zeit häkel’ ich. Dafür habe ich eine echte Leidenschaft entwickelt. Das weinen kann ich mittlerweile ebenfalls zulassen – es reinigt die Seele.

Meine Freundin Petra hat mit Ihrer Idee, eines Pflegepferdes auch sehr viel zu meiner Stabilität beigetragen. Ich liebe es zu den Pferden zu gehen, sie zu putzen und meinen Sohn beim Reiten zuzusehen. Es gibt ein Pferd namens Winnitou welches es mir angetan hat, ich habe mich einfach in ihn verliebt. Es ist als würden wir uns ohne Worte verstehen. Ich kann das kaum in Worte fassen. Jedenfalls bin ich Petra sehr, sehr dankbar dafür.

Nun, wie du siehst, hat sich bei mir einiges getan und mir geht es wesentlich besser als noch vor 6 Monaten. ♥

Jeder Person, die unter psychischen Erkrankungen leidet, würde ich vom ganzen Herzen empfehlen, sich Hilfe in einer Klinik zu holen. Denn es hat mir wirklich sehr viel geholfen & gutgetan. Natürlich muss man selber erst dazu bereit sein, es muss „klick“ machen, man braucht eine gute Klinik und natürlich muss ein stationärer Aufenthalt auch zu dir passen. Doch ausprobieren geht oftmals über studieren.

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2 Gedanken zu „vier Monate nach meiner Therapie

  1. Danke für Deine Offenheit, liebe Kimberly. Irgendwo auf Deiner Seite habe ich gelesen, dass Du mit vorgefertigten Kalendern nicht arbeiten kannst. Das geht mir genauso, deshalb habe ich es aufgegeben, welche zu kaufen 😉 Ich finde es toll, dass Du einen EMDR-Therapeuten gefunden hast. Das ist eine unglaublich tolle Therapiemethode mit großer Wirksamkeit. Ich wünsche Dir viel Erfolg damit und viel Kraft für all das, was Du täglich mutig und tapfer bewältigst.

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